Winterwege

Leise fielen die Flocken vom Himmel und bewegten sich in ihrem eigenen Tanz immer weiter dem Boden entgegen. Der
Wald hatte die Stille des Winters angenommen und lag unbewegt unter seinem ersten Schneekleid.
Das leise Knirschen seiner Schritte auf der unberührt weißen Straße konnte diese Stille nicht brechen, es schien sie nur
noch zu verstärken. Er hielt inne, als er die Hügelkuppe erreicht hatte und der kleine See unter ihm auftauchte. Der
Schneefall, noch dichter geworden, seid er seine Wanderung am heutigen Morgen wieder aufgenommen hatte, ließ das
kleine Tal unter ihm noch unwirklicher erscheinen.
Die Schritte den Hügel hinunter fielen ihm leichter, dennoch spürte er die Müdigkeit, die ihn nun jeden Tag seiner langen
Wanderung begleitete. Fast wäre er an dem See vorbei gegangen, ihn vielleicht nur eines zweiten Blickes würdigend,
als ein leises Geräusch ihn inne halten ließ.
Hatte er dort eine Stimme gehört? Ein Lied? Gesungen von einer reinen und klaren Frauenstimme? Ohne dass es ihm
bewusst war trugen ihn seine Beine an den kleinen See.
Dort saß sie, weis wie der Schnee, der um sie herum tanzte und eben so fein, wie jede einzelne Schneeflocke.
Ein einziges weißes Tuch bedeckte ihre Schultern und war um ihren Körper geschlungen. Der Duft von
Schneeglöckchen und frühem Morgen in den Bergen drang zu ihm, als er nah an sie heran trat. Als hätte sie ihn vorher
noch nicht bemerkt, wandte sie ihm nun erst den Kopf zu und der Blick ihrer dunklen Augen traf den seinen.
Feen sollst du nicht trauen, es war ein alter Warnspruch, den er von seinem Oheim oft gehört hatte, und der ihm nun
durch den Kopf schoss. Doch er wusste , dass er bereits verloren war. Das Geschöpf vor ihm, sicherlich kein Mensch,
war von solcher Schönheit, dass sein Herz zu zerreißen drohte.
Eine zarte Hand erhob sich aus dem Tuch und bedeutete ihm sich neben ihr nieder zu lassen. Ohne darauf zu achten,
ob der Umhang ihn vor dem Schnee schützen wurde, sank er nieder und ergriff die Hand. Er hatte erwartet, dass ihre
Augen hart und unbarmherzig sein würden, doch es war anders, traurig waren Sie.
„So bist du also doch hier um mein Lied zu erhören. Sag, mein Liebster, warum kommst du erst jetzt?“
Ihre Stimme ließ ihn erschaudern und er suchte verzweifelt nach Worten und schüttelte dann nur verzweifelt den Kopf.
Sinn und Grund waren ihm vergangen, als er ihren Gesang gehört hatte. Er fand keine Worte.
Der Kuss, den sie ihm mit einem Lächeln gab war kühl und schmeckte nach klarem Bergwasser.
Sie strich über seine Haare und verharrte, als sich ihre Blicke wieder trafen.
„Es ist einsam hier oben, mein Liebster, lange habe ich auf dich gewartet.“
Sie schmiegte sich an ihn und gemeinsam sanken Sie auf den frischen Schnee.
Er erwachte, erstaunlicherweise war ihm nicht sonderlich kalt. Einzig in seinen Umhang gehüllt lag er auf einem Bett aus
Schnee. Nicht weit entfernt saß Sie. Ihr Schultern zitterten und das Tuch, das sie umhüllte war von ihren Schulter
gesunken.
„Was ist geschehen, Liebste?“
Sorge um Sie brachte seine Fähigkeit zu sprechen zurück zu ihm. Rasch kleidete er sich an und trat an ihre Seite.
Schnee fiel keiner mehr an diesem Morgen und der klare Winterhimmel gestattete ihm einen guten Blick auf den kleinen
See und das Wesen, das dort vor ihm hockte.
Sie war immer noch wunderschön, doch ein Teil ihrer Kraft schien sie verlassen zu haben. Ihre Wangen waren
eingefallen und ihre Haut bedeckte kaum mehr als die Knochen ihres Körpers. Tränen standen in ihren dunklen Augen,
als sie sich ihm zuwandte.
„Niemals werde ich dich vergessen, Liebster, denn du bist der eine, derjenige, dem ich wahrlich mein Herz geschenkt
habe. Jener, der der Kälte widersteht.“
Er beugte sich zu ihr nieder und zog sie zu sich heran und bevor er sprechen konnte, fuhr sie fort.
„Du bist der eine Mensch, der mein Herz erwärmte. Und auch wenn es meinen Tod bedeutet, so bereue ich es nicht,
den süßen Schmerz kennen gelernt zu haben, den ihr Menschen die Liebe nennt.“
Er spürte wie sie sich seiner Umarmung hingab, spürte wie sie weniger zu werden schien, wie sie dahin schmolz, wie
eine der Schneeflocken, denen sie so ähnlich war, wenn sie zu nahe an das Feuer kamen.
Eine heiße Träne rann seine Wange herunter und traf auf eine einsame Schneeflocke, die alles war, was von der
Winterfee geblieben war. Sie verschmolzen und verschwanden.
Nichts blieb ihm, wie er da stand und die Winterluft umarmte, am Rande des kleinen Sees.
Keine Kälte konnte ihm mehr etwas anhaben und manchmal, wenn er erneut im Winter durch die Lande zog, vermeinte
er ein leises Wispern zu hören, einen Hauch des Gesangs, der ihn zu seiner Geliebten geführt hatte.



Autor: ich
Datum: unbekannt… irgendwann vor 2006